Therapeutin spielt ausgelassen mit einem Kind
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ADHS bei Kindern und Jugendlichen: Wenn Unruhe zur Belastung wird

Was hinter einer ADHS-Diagnose steckt: wie sich die Störung von innen anfühlt, was Hyperfokus bedeutet und wie Psychotherapie Kindern und Jugendlichen helfen kann.

Zappelig, unaufmerksam, impulsiv — so werden Kinder mit ADHS oft beschrieben. Doch hinter diesen Beobachtungen steckt weit mehr als ein Verhaltensproblem. ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist eine der häufigsten Diagnosen im Kindes- und Jugendalter und gleichzeitig eine der am meisten diskutierten. Je mehr wir darüber lernen, desto klarer wird: Das Bild ist komplexer, als es lange schien.

Was ist ADHS — und was macht die Diagnose so komplex?

ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ICD-10: F90). ADS — ohne das „H” für Hyperaktivität — beschreibt die vorwiegend unaufmerksame Form, die besonders bei Mädchen häufig übersehen wird, da sie seltener durch auffälliges Verhalten in der Schule auffällt.

Typische Merkmale können sein:

  • Ausgeprägte Konzentrationsstörungen und schnelle Ablenkbarkeit
  • Impulsives Handeln ohne vorheriges Nachdenken
  • Innere Unruhe, die sich als körperliche Rastlosigkeit zeigt
  • Vergesslichkeit im Alltag und Unvermögen zu Planen
  • Schwierigkeiten beim Einhalten von Regeln

Die Diagnose wird von einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einem spezialisierten Kinderarzt gestellt — auf Basis strukturierter Interviews, Fragebögen und Verhaltensbeobachtungen. Wichtig: Nicht jedes unruhige Kind hat ADHS — und nicht jedes Kind mit ADHS ist unruhig. Das Erscheinungsbild ist individuell sehr unterschiedlich.

Was die Forschung zunehmend zeigt: ADHS ist kein klares Entweder-oder. Die Symptome liegen auf einem Spektrum, das fließend in das übergeht, was wir als „typisch” betrachten. Es gibt keinen biologischen Test, der eindeutig belegt, ob jemand ADHS hat oder nicht. Viele Kinder, deren Symptome im Schulalter ausgeprägt sind, zeigen im Jugendalter deutlich weniger davon — und umgekehrt. Die Diagnose beschreibt einen Zustand, keine unveränderliche Eigenschaft.

Wie fühlt sich ADHS von innen an?

Die Außenperspektive sieht oft anders aus als betroffene Kinder und Jugendliche es selbst erleben.

Viele Kinder mit ADHS sind zutiefst frustriert: Sie möchten funktionieren, ruhig sitzen, zuhören — aber sie können es in manchen Situationen einfach nicht. Wiederholte Misserfolge in der Schule, negative Rückmeldungen von Erwachsenen und Ausgrenzung durch Gleichaltrige hinterlassen tiefe Spuren im Selbstbild. Das Risiko für begleitende seelische Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen oder ein geringes Selbstwertgefühl ist erhöht.

Hyperfokus: Wenn Konzentration kein Problem ist

Viele Kinder und Jugendliche mit ADHS erleben ihre Aufmerksamkeit nicht als pauschal gestört. Für Themen, die sie wirklich interessieren, können sie sich stundenlang konzentrieren. Manchmal so intensiv, dass sie Hunger und Zeit vergessen. Man bezeichnet das als Hyperfokussieren.

Das ist kein Widerspruch zur Diagnose, sondern ein charakteristisches Merkmal. Es geht nicht um ein grundsätzliches Unvermögen zur Konzentration, sondern um eine Frage der inneren Beteiligung. Für Eltern und Lehrkräfte ist dieses Bild oft verwirrend: Ein Kind, das beim Spielen völlig versinkt, aber in der Schule nicht folgen kann. Dieser Unterschied zeigt, dass der Auslöser für die Konzentrationsprobleme nicht im Kind allein liegt, sondern im Zusammenspiel zwischen Kind und Situation.

Umgebung als Schlüssel: ADHS im Kontext

Die Wissenschaft rückt zunehmend in den Vordergrund, was viele Eltern intuitiv spüren: Ob und wie stark ADHS-Symptome auftreten, hängt wesentlich vom Umfeld ab.

Kinder, die in Situationen sind, die ihren Stärken und Interessen entsprechen, zeigen oft deutlich weniger Symptome — manchmal keine mehr. Langzeitstudien mit Betroffenen zeigen: Wenn Jugendliche und junge Erwachsene ein Umfeld gefunden haben, das zu ihnen passt — sei es ein Studiengang, ein Beruf oder ein sozialer Kontext —, beschreiben viele von ihnen, dass ihre früheren ADHS-Symptome kaum noch spürbar sind. Sie definieren sich dann nicht mehr als „defizitär”, sondern als anders — mit eigenen Stärken und einer anderen Art, die Welt zu erleben.

Das bedeutet nicht, dass ADHS „eingebildet” ist oder dass das Kind nur „wollen” muss. Es bedeutet: Die Symptome entstehen im Zusammenspiel zwischen einem Menschen und seinem Umfeld — und dieses Zusammenspiel lässt sich beeinflussen.

ADHS-Behandlung: Was Psychotherapie leisten kann

Die Behandlung von ADHS ist multimodal: Sie kombiniert verschiedene Ansätze je nach Schweregrad und individuellem Bedarf. Neben einer möglichen Pharmakotherapie und Elterntraining spielt die Psychotherapie eine wichtige Rolle.

Medikamente können im Schulalltag kurzfristig hilfreich sein. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass medikamentöse Behandlung allein keine dauerhaften Verbesserungen bewirkt und die eigentlichen seelischen Folgen von ADHS oft unberührt lässt. Ein Kind, das jahrelang als „Problemkind” erlebt wurde, trägt dieses Bild von sich mit — unabhängig davon, ob es Tabletten nimmt oder nicht.

Tiefenpsychologisch oder psychoanalytisch orientierte Therapie richtet sich genau auf diese emotionalen Folgen: das beschädigte Selbstbild durch wiederholte Misserfolge, die angesammelten Frustrationen, die Schwierigkeiten in Beziehungen. Sie schafft Raum, um zu verstehen, was hinter dem Verhalten steckt und neue, positive Erfahrungen zu machen. Kinder lernen, sich selbst neu zu sehen: nicht als problematisch, sondern einfach als anders. Als jemanden, der in manchen Umgebungen aufblüht und in anderen kämpft — und der herausfinden darf, welche Umgebungen ihm gut tun.

Begleitende Elterngespräche sind ein zentraler Bestandteil der Therapie: Es geht darum, Eltern zu unterstützen, ihr Kind besser zu verstehen. Stärken wahrzunehmen und auch in schwierigen Situationen gut zu reagieren. Das ist oft genauso bedeutsam wie die Arbeit mit dem Kind selbst. Eine tragfähige Beziehung zwischen Eltern und Kind ist einer der stärksten Schutzfaktoren überhaupt.

Was Sie als Elternteil tun können

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind unter Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsstörungen leidet, ist der erste Ansprechpartner der Kinderarzt oder ein Kinder- und Jugendpsychiater für die Diagnostik. Für die psychotherapeutische Begleitung benötigen Sie keine Überweisung. Sie können sich direkt an eine kassenzugelassene Praxis wenden.

In meiner Praxis in Köln-Lindenthal nehme ich mir im Erstgespräch Zeit, um gemeinsam mit Ihnen ein Bild der Situation zu entwickeln. Wir schauen gemeinsam, was Ihr Kind braucht. Und wir klären, welche Unterstützung sinnvoll ist — für das Kind, und für Sie als Familie.

Renata Fischer-Roßbach

Renata Fischer-Roßbach

Kinder- und Jugend­lichen­psycho­therapeu­tin (KJP), kassenzugelassen

Tätig in eigener Praxis in Köln-Lindenthal — tiefenpsychologisch fundiert und psychoanalytisch, mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

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