Kind hält die Hand seiner Mutter beim Abschied vor der Schule
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Trennungsangst bei Kindern: Wenn Abschiede zur Belastung werden

Trennungsangst ist mehr als Anhänglichkeit. Was hinter dem Klammern steckt, wann sie behandlungsbedürftig wird und wie Psychotherapie helfen kann.

Morgens vor der Kita, beim Schultor, wenn Mama oder Papa für ein paar Stunden das Haus verlässt — manche Kinder klammern sich fest, weinen herzzerreißend, betteln, dass man bleibt. Für Eltern ist das schwer auszuhalten. Die Frage, die viele beschäftigt: Ist das noch normal?

Trennungsangst ist zunächst etwas Gesundes

Ein gewisses Maß an Trennungsangst gehört zur Entwicklung. Das Kleinkind, das seine Bezugsperson nicht aus den Augen lassen will, hat etwas Richtiges verstanden: Diese Person ist lebenswichtig. Ohne sie bin ich schutzlos.

Die Bindungsforschung hat gezeigt, dass dieses Festhalten an der Bezugsperson ein biologisch angelegtes Schutzsystem ist. Das Kind, das bei Trennung protestiert, ruft nicht ohne Grund — es aktiviert sein Bindungssystem, um die Nähe zu einem verlässlichen Erwachsenen wiederherzustellen. John Bowlby, der diese Zusammenhänge als erster systematisch beschrieben hat, sah in der Trennungsangst keine Schwäche, sondern eine adaptive Reaktion auf reale Abhängigkeit.

Typische Phasen, in denen Trennungsangst verstärkt auftreten kann, sind das zweite Lebenshalbjahr, der Übergang in Krippe oder Kita und der Schulbeginn. Auch Umbrüche im Familienleben — eine Trennung der Eltern, ein Umzug, ein neues Geschwisterkind — können Trennungsängste wieder aufflammen lassen, die schon überwunden schienen.

Wenn das Klammern nicht nachlässt

Anhaltende Trennungsangst, die sich nicht mit dem Entwicklungsstand des Kindes mitverändert, ist etwas anderes. Sie zeigt sich in wiederkehrenden heftigen Reaktionen auf Abschiede, in der Weigerung, allein zu schlafen, in körperlichen Beschwerden — Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit — die regelmäßig vor der Schule auftreten. Manche Kinder verweigern schrittweise immer mehr Situationen, die eine Trennung bedeuten.

Aus psychoanalytischer Sicht wirft das eine wichtige Frage auf: Was fehlt diesem Kind, um Trennungen innerlich aushalten zu können?

Das innere Bild der Bezugsperson

Kinder, die Trennung gut tolerieren können, haben etwas Wichtiges erworben: ein stabiles inneres Bild ihrer Bezugsperson. Die Mutter, der Vater ist zwar nicht da — aber sie sind innerlich präsent, verfügbar, verlässlich. Das Kind weiß: Sie kommen wieder. Und dieses Wissen ist nicht nur kognitiv, sondern tief gefühlt.

Der Kinderpsychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb die Fähigkeit, allein zu sein, als etwas, das ein Kind in der Anwesenheit eines zuverlässigen anderen erst erwerben muss. Allein-Sein-Können ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis vieler kleiner, guter Erfahrungen mit Trennung und Wiederkehr.

Wenn ein Kind diese Erfahrungen nicht ausreichend machen konnte — weil Trennungen unvorhersehbar waren, weil die Bezugsperson selbst ängstlich oder schwer verfügbar war, oder weil einschneidende Erlebnisse das Urvertrauen erschüttert haben — bleibt die innere Repräsentation der Bezugsperson fragil. Die Angst, sie zu verlieren, ist dann keine überwundene Entwicklungsaufgabe, sondern ein offenes Thema.

Die Rolle der Eltern

Trennungsangst entsteht nicht im Vakuum. Eltern, die selbst Trennungen schwer aushalten, die beim Abschied zögern, die das Unwohlsein des Kindes spüren und darauf reagieren, indem sie noch einmal zurückkehren, tun das aus Liebe und Fürsorge. Und dennoch kann genau dieses Verhalten dem Kind die Botschaft senden: Trennung ist wirklich gefährlich.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung, die therapeutisch wichtig ist. In der Arbeit mit Kindern mit Trennungsangst sind Elterngespräche ein zentraler Bestandteil. Nicht um Fehler zu benennen, sondern um gemeinsam zu verstehen, was sich zwischen Kind und Elternteil in diesen Momenten abspielt. Margaret Mahler, die den Prozess der frühen Trennung und Individuation eingehend untersucht hat, betonte, wie sehr das Kind in dieser Entwicklungsphase das Gleichgewicht der Eltern braucht — ihre Fähigkeit, loszulassen, ohne zu stoßen.

Wie Psychotherapie bei Trennungsangst helfen kann

In der psychoanalytisch orientierten Therapie geht es nicht darum, die Angst wegzutrainieren. Angst ist ein Signal, das etwas mitteilen will. Die Frage ist: Was?

Im therapeutischen Prozess entsteht Schritt für Schritt ein Ort, an dem das Kind erleben kann: Ich bin verlässlich begleitet. Ich kann mich zeigen. Ich kann hierher allein kommen und es ist gut. Diese neuen, korrigierenden Beziehungserfahrungen stabilisieren das innere Bild, das fehlt. Nicht durch Erklärungen, sondern durch das wiederholte Erleben von Verlässlichkeit, Wiederkehr und Sicherheit.

In meiner Praxis in Köln-Lindenthal beziehe ich Eltern von Anfang an ein. Denn Trennungsangst ist selten nur das Problem des Kindes, sie ist oft auch ein Thema der Beziehung. Und genau dort lässt sich am nachhaltigsten etwas verändern. Wenn Sie sich fragen, ob die Trennungsangst Ihres Kindes behandlungsbedürftig sein könnte, können Sie sich gerne direkt an mich wenden.

Renata Fischer-Roßbach

Renata Fischer-Roßbach

Kinder- und Jugend­lichen­psycho­therapeu­tin (KJP), kassenzugelassen

Tätig in eigener Praxis in Köln-Lindenthal — tiefenpsychologisch fundiert und psychoanalytisch, mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

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